Toleranz-Projekte an der Trützschler-Oberschule

Toleranz-Projekte an der Trützschler-Oberschule / NPD-Aussteiger im Gespräch mit unseren Neuntklässlern

Falkensteiner Anzeiger vom 26.05.2016

Mehrere Toleranz-Projekte des Bildungswerks Sachsen der Deutschen Gesellschaft e. V. waren im April an der Trützschler-Oberschule zu Gast. Bei den Workshops „Ausgegrenzt und abgestempelt“, die am 25. April in beiden 5. Klassen durchgeführt wurden, ging es um Sozialkompetenz sowie um Mobbing-Prävention. Zwei Tage später kamen Michael Ankele, Sozialarbeiter im Aussteigerprojekt „ad acta“ des Vereins „Projekt 21 II“ e.V., und Maik Scheffler, NPD-Aussteiger, an die Schule, um in einer vierstündigen Veranstaltung mit den Neuntklässlern ins Gespräch zu kommen.
Es ging im Workshop, an dem die Jugendlichen mit großem Interesse teilnahmen, vor allem um Rechtsradikalismus in seinen verschiedenen Erscheinungsformen sowie um die Folgen, mit denen Aussteiger aus der rechten Szene in ihrem neuen Leben fertig werden müssen. Beide Gäste betonten, dass es ihnen wichtig ist, bei den Jugendlichen eigene Denkprozesse in Gang zu setzen.
Bei der Auseinandersetzung mit der rechten Szene muss man, so betonten die Referenten, unbedingt zwischen der rechten Straßen-Szene und der intellektuellen Polit-Szene unterscheiden. Herr Ankele konnte mit bewegenden Storys seiner Klienten, die er nach dem Ausstieg aus der Skinhead-Szene begleitet, aufwarten. Solch ein Ausstieg ist nämlich keine einfache Angelegenheit. Vertraute soziale Beziehungen hat man in der Regel bereits beim Einstieg hinter sich gelassen. Meist ist man dann (mitunter auch mehrfach) mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Da ein Ausstieg in der Szene „Verrat“ bedeutet, muss man mit massiven Bedrohungen rechnen. Oftmals ist deshalb die Suche nach einem neuen Wohnumfeld nötig. Die Suche nach einer Arbeits-/Ausbildungsstelle gestaltet sich auch nicht ganz einfach. Hohe Schulden sind ebenfalls ein Problem, aus dem mancher junge Mensch – wenn überhaupt – ohne Hilfe von außen nicht mehr herausfinden kann.

 


Maik Scheffler, ehemals stellvertretender NPD-Landesvorsitzender sowie Mitarbeiter der NPD-Fraktion im Sächsischen Landtag und Aussteiger seit 2015, konnte aus eigenem Erleben berichten. Er räumte ehrlich ein, einer der eifrigsten Propagandisten gegen Asylbewerber gewesen zu sein. Offen sprach er von eigenen Hetzreden auf politischen Veranstaltungen, die wohl auch dazu beigetragen haben, dass sich Jugendliche der rechten Szene angeschlossen haben und sogar gewalttätig wurden. Dies, so erklärte er den Schülern, bedauert er im Nachhinein am meisten. Doch nach und nach setzte ein Umdenken bei ihm ein und führte zum Bruch mit der eigenen Vergangenheit.

 

Man hätte eine Stecknadel in der Trützschler-Aula fallen hören können, als Herr Scheffler von einer Gruppe syrischer Männer berichtete, für die er im Rahmen seiner Tätigkeit als Dozent als Deutschlehrer tätig war. Die Kontakte mit diesen Menschen sowie auch herzliche Begegnungen mit ihnen außerhalb seiner Lehrtätigkeit trugen wohl ganz wesentlich zu seinem Umdenken bei. Derartige soziale Kontakte, so legte er seinen jungen Zuhörern ans Herz, sind sehr wichtig, um Vorurteile zu beseitigen. Auch Sachliches wurde besprochen. Dabei ging es vor allem um verbotene rechte Symbolik sowie um Straftatbestände. Von der anschließend angebotenen Möglichkeit zum Diskutieren machten die Schüler sehr regen Gebrauch.
Auf alle sie bewegenden Fragen zur Geschichte von Maik Scheffler erhielten sie beeindruckend ehrliche Antworten. „Nicht nur ich kann Ihnen und Ihren Schülern helfen, es ist auch für mich enorm wichtig, so die Vergangenheit aufgearbeitet hinter mir zu lassen“, so begründete Maik Scheffler sein Engagement für das Aussteiger-Projekt an Schulen.
Wir danken Herrn Ankele und Herrn Scheffler herzlichst für diese überaus beeindruckende Veranstaltung und sind uns mit beiden Referenten einig, dass es schon im Herbst 2016 eine Fortsetzung an unserer Schule (dann mit den neuen Neuntklässlern) geben wird. Denn kein noch so gutes Lehrbuch kann das leisten, was derartige Begegnungen mit solch engagierten Referenten für unsere Schüler mit sich bringen. mawoh