Der Aussteiger als offenes Fenster in die Organisation

Positionspapier: Der Aussteiger als offenes Fenster in die Organisation

Ein Beitrag von Maik Scheffler,  Kreisrat im Stadtrat der Großen Kreisstadt Delitzsch

Hinter dem Kampf gegen „Rechts“ verortet man für gewöhnlich drei Säulen einer Strategie in der Zerschlagung rassistischer, chauvinistischer als auch antisemitischer Strömungen und Organisationen.

 

Der zivilgesellschaftliche Aufstand gegen jegliche rechte Plattformen ist eine dieser Säulen, Aufklärung und Bildung über rechte Ideologie und Weltanschauung eine weitere, das Herauslösen von Aktivisten/innen und die Wiedereingliederung in die demokratische Gesellschaft sollte als dritte Säule auch eine der wichtigsten sein, wenn man nicht nur bekämpfen sondern auch nachhaltig reintegrieren will.

 

Leider findet ein Einbeziehen rechter Aussteiger in die Prozesse zu wenig bzw. mit zu wenig taktischer Notwendigkeit statt. Der Prozess selbst deklariert sich somit zum bloßen Aktionismus und schwächt oftmals unbewusst gar den Ausstiegswillen der Zweifler.

 

Gerade bei Schülern und Jugendlichen, welche für extreme Parteien das fruchtbarste Rekrutierungsklientel darstellen gilt, „verbotene Früchte schmecken am besten“. Das bloße Warnen und Verbieten wird somit niemals ausreichend den Effekt erzielen, den sich Ämter, Organisationen und Parteien wünschen.

 

Die Propaganda der NPD, ihrer Jugendorganisation als auch der „Freien Kräfte“ ist zudem auf die Vorgehensweise im Kampf gegen rechts eingestellt und integriert diese Methoden entsprechend nachhaltig und oft erfolgreich in die Rekrutierung ein. Die Zivilgesellschaft kann plausibel darstellen, warum eine politische Strömung bekämpft werden muss. Im Gegenzug kann aber auch jede selbsternannte Opposition ebenso plausibel machen, warum sie bekämpft werden soll. Die Für und Wider gegeneinander logisch aufzuwiegen, vermag weder der Jugendliche noch der orientierungslose „Wutbürger“ und somit folgt in der Konsequenz -In dubio pro reo-.

 

Ein Aussteiger hingegen wird stets der Kronzeuge sein, dessen Aussagen ausschließlich die ehemals eigene Partei oder Organisation belasten können und ihre Glaubwürdigkeit durch die Zugehörigkeit zementieren. Die Frage sollte sich stellen: Verbietet man das Rauchen durch Nichtraucher oder zeigt man mit einer schwarzen Lunge die verschiedenen Elemente der Konsequenz?…

 

Der Aussteiger ist der Beweis in der Argumentation, den man bei einem Außenstehenden vergeblich suchen wird. Der nachhaltige Eindruck, den potentielle Rechts-Rekrutierungsopfer bei einem Szeneaussteiger erhalten, welcher das Verpfuschen seines Lebens bildlich macht, welches ihn durch kriminelle Aktionen an den Rand der Gesellschaft geschwemmt hat ist gleich viel wert, wie die neue Blickrichtung eines politisch frustrierten „Wutbürgers“ oder „Pegidianers“ der durch einen Aussteiger aus den Führungs- und Strategie Etagen einen Blick hinter die Fassade der Organisationen bekommt, wohinter sich außer Überschriften und Parolen kein tragfähiges und gesellschaftsoffenes Konzept verbirgt, geschweige denn eine bundesweite Alternative.

 

Der erfolgreiche Kampf gegen „Rechts“ wird ohne das nötige Profiling der Protagonisten durch ehemalige Insider und ohne ein offenes Fenster in Strukturen hinein durch Aussteiger aus exponierten Positionen nicht nachhaltig und umfänglich praktiziert werden können. Das Herauslösen wichtiger Akteure und Denker wird nur dann gelingen, wenn selbige in der Welt außerhalb ihrer politischen und weltanschaulichen Isolation auch eine alternative Welt vorfinden, wo sie nicht nur in die Erfolgsstatistik der anderen einfließen sondern wo auch hingehört wird, was sie zu sagen haben. Und das, was sie zu sagen haben ist oft der Schlüssel im Kampf gegen „Rechts“.